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Folge 12: Kurt Kranz

Hallo, ihr Lieben, seid herzlich willkommen zu unserer ersten Folge des Kindermuseums 2021! Wir starten mit einem Werk des sehr vielseitigen Künstlers, Grafikers und Lehrers Kurt Kranz (1910 – 1997), das bereits 1961 für die Sammlung der Kunsthalle angekauft wurde.

Vielleicht habt ihr die lange schmale Arbeit schon einmal in einer unserer Ausstellungen gesehen? Sie ist 2009 sogar im weltberühmten Museum of Modern Art in New York/USA präsentiert worden. Gerade zeigen wir sie in einem Raum gemeinsam mit einem Gemälde von Gerhard Richter (*1932). Kommt gerne in die Kunsthalle, wenn wir wieder geöffnet haben und schaut euch die beiden Werke an. Ob ihr dann Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdeckt? Was meint ihr, warum wir diese beiden Bilder nebeneinander gehängt haben?

Aber jetzt zeigen wir euch erst einmal das Werk des Künstlers Kurt Kranz. Ihr seht es zwei Mal: Es ist ein schmales, langes Band mit farbigen Zeichnungen. Damit ihr es besser betrachten könnt, bilden wir es auch unterteilt ab.

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Karl KranzBildreihe Bauhaus/Farbfilm, genannt Leporello Bauhaus Dessau
1930 – 1931, Aquarell, Gouache und Feder/Tusche auf Papier auf Leinwand aufgezogen, alle Blätter 14,5 x 18 cm, Foto: Ingo Bustorf,  © Kurt Kranz 2021

Schaut genau hin! Was entdeckt ihr? Sicher seht ihr eines sofort: Es ist gar nicht nur ein Bild, sondern es sind viele! 32 einzelne kleine Blätter, um genau zu sein! Die Arbeit heißt ja auch Bildreihe/Farbfilm, obwohl es zu der Zeit in Europa noch gar keinen Farbfilm gab. Erst 1972 drehte Robert Darroll, ein Student von Kurt Kranz, die Reihe als Film (Film Nr. 4, 172 Meter, 9 Minuten). Was es wohl damit auf sich hat?

Der Zusatz Leporello kam erst etwas später dazu. Kennt ihr ein Leporello? Das ist ein langer Papier- oder Kartonstreifen, der ziehharmonikaartig zu einem Heft oder kleinem Büchlein zusammengefaltet ist. Man kann so jedes Bild einzeln betrachten, umblättern, aber auch alle miteinander ansehen. Bestimmt habt ihr das schon bei Werbeprospekten gesehen – oder es sogar selber schon einmal angefertigt. Das ist gar nicht schwer!

Verwende für dein Leporello ein etwas festeres Papier (Zeichenpapier, Aquarellpapier) im DIN A4 – Format. Dieses faltest du der Länge nach in der Mitte. Schneide mit der Schere entlang des Knickes, so erhältst du zwei gleich lange Papierstreifen.
Nimm nun einen dieser Streifen und falte ihn in der Mitte. Falte dann eine der Seiten mittig, drehe den Streifen um und falte die andere Seite in der Mitte. Ziehst du den gefalteten Streifen auseinander, erhältst du dein Leporello, bestehend aus vier Seiten.
Solltest du mehr Seiten benötigen, kannst du den zweiten Papierstreifen entsprechend falten. Die beiden Leporellos klebst du dann an einer Fläche aneinander. Auf diese Weise kannst du dein Leporello endlos verlängern.
Den Umfang deiner Serie/deines Leporellos musst du so zu Beginn nicht festlegen. Vielleicht hast du sehr viel Spaß an der Entwicklung und Gestaltung und es entstehen zahlreiche Varianten. Vielleicht magst du deine Arbeit aber schon nach vier Varianten beenden. Alles ist möglich!
Das Leporello bietet dir eine gute Möglichkeit, wie Kurt Kranz in Serien und Varianten zu arbeiten und mit der Veränderung, dem Prozess der Verwandlung zu spielen. Wie entfaltet sich eine Form? Woraus entwickelt sie sich? Wie entwickelt sie sich weiter? Wie kann ich Formen zusammenstellen?
In welcher Technik du arbeitest, bleibt dir überlassen. Du kannst zeichnen mit dem Bleistift, mit Kohle. Du kannst malen mit Wasserfarben oder Wachsmalkreiden und du kannst natürlich auch Collagen gestalten. Kurt Kranz hat in sehr unterschiedlichen Techniken gearbeitet, so hat er z. B. auch Fotoserien gestaltet.

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Ich habe mich hier für eine Serie mit geometrischen Formen entschieden. In Anlehnung an das Bauhaus, die Kunstschule, an der Kurt Kranz studiert hat, und den Künstler Wassily Kandinsky arbeite ich mit den Formen Kreis, Dreieck und Quadrat und mit den Grundfarben Blau, Gelb und Rot. Kandinsky, einer der Lehrer von Kurt Kranz, ordnete dem Kreis das Blau, dem Dreieck das Gelb und dem Quadrat das Rot zu.
Mit diesen aus farbigem Papier ausgeschnittenen Formen habe ich gespielt und sie in unterschiedlicher Zusammensetzung aufgeklebt, so entstand die Serie für dieses Leporello. Es besteht übrigens aus zehn Seiten.

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Schau dir noch einmal das Leporello von Kurt Kranz an und dann geht es los!
Hast du schon eine Idee? Schick uns doch bitte ein Foto von deinem Leporello!

Kurt Kranz hat den Titel „Leporello“ für seine Bilderreihe genutzt, obwohl die einzelnen Blätter nicht gefaltet sind, sondern horizontal und nebeneinander präsentiert werden. In unserer Kultur lesen wir von links nach rechts und so sollen wir auch das Leporello betrachten. Fangt einmal an! Dann entdeckt ihr zunächst ein Aquarell, eine Gesamtansicht von Formen, Kreisen, Spiralen, Rechtecken und Stabformen und die folgenden Blätter zeigen euch immer detailliertere Ansichten. Die Formen werden größer und größer und andere sind dann nicht mehr zu sehen. Das bedeutet, die auf das erste Bild folgenden, aus ihm entstehenden Bilder sind allesamt Entwicklungen und Variationen des ersten. Aber alle haben die gleiche Größe, liegen in einer Reihe, sind sozusagen gleichberechtigt. Eine Serie von Bildern!

Während Kurt Kranz sich in erster Linie mit Formen beschäftigte, könnt ihr natürlich auch figürliche Motive wählen. Schaut mal:

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Und jetzt kommt der Film ins Spiel! Kurt Kranz hat sich vorgestellt, wie es wäre, diese Blätter als Film, also fortlaufend, zu zeigen. Dann würde die Kamera immer näher an die einzelnen Formen herangehen und die jeweiligen Details als Großaufnahme ins Bild setzen. Und wenn wir dann die letzten Bilder der Reihe anschauen, erscheinen sie auch wie eine Weiterentwicklung der ersten. Das wird an der Reihe mit den Spiralen besonders deutlich. Das „Leporello“ ist übrigens nach einigen Reihen in Schwarz-Weiß die erste farbige Serie des Künstlers. Im Unterschied zu den Schwarz-Weiß- Reihen entsteht hier durch die Farbe auch eine räumliche Wirkung.
Auch das Rot des Luftballons könnte sich aus seiner runden Form heraus zu anderen Formen entwickeln:

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Auch du kannst übrigens aus deinem Leporello einen kleinen „Film“ entwickeln. Wenn du alle Seiten deiner Serie mit dem Handy abfotografierst, bietet dir das Handy die Möglichkeit, eine Diashow mit ausgewählten Fotos zusammenzustellen. Dabei kannst du mit der Überblendung arbeiten. Auch Kurt Kranz hat diese Möglichkeit der Überblendung in seinen Serien gern genutzt.
Vielleicht wäre das eine Gemeinschaftsaktion. Bitte einen Erwachsenen, dich dabei zu unterstützen. Und zum Abschluss schaut ihr euch deine Diashow an.

Vor allem aber rückt bei so einer Abfolge auch das Thema Bewegung in den Mittelpunkt. Jetzt werdet ihr sagen, Bewegung in Bildern, das geht doch gar nicht! Richtig, aber es hat die Künstler*innen der Moderne interessiert, wie sie es dennoch erreichen können, die Ahnung, das Gefühl von Bewegung auszudrücken. Schaut euch noch einmal die Folge Nr. 2 des Kindermuseums zu Sonia Delaunay (1885 – 1979) an. Auch sie hat sich mit der Bewegung im Bild beschäftigt, ist aber zu anderen Ergebnissen gekommen als Kurt Kranz. Sein Interesse gilt der Fotografie und dem Film. Film, das sind bewegte Bilder. Aber er stellt Formen und keine Szenen dar und nennt es abstrakte Filmexperimente. Ihr könnt das auch und vielleicht wird seine Idee damit verständlicher. Los geht’s:

Du wirst heute erleben, wie deine Bilder in Bewegung geraten. Möglich ist das mit einem „Daumenkino“. Hier werden Bilder mit sehr geringen Veränderungen hintereinandergelegt und mit dem Daumen durchblättert.
Unsere Augen nehmen eine schnelle Abfolge von nur minimal veränderten Einzelbildern als Bewegung wahr, diese Trägheit der Augen nutzen wir im Daumenkino aus.
Hier schau mal!

Nutze für dein Daumenkino einen Post-it-Block. Du kannst aber auch einzelne Blätter verwenden, die du dann später zusammenheftest.
Wähle ein sehr einfaches Motiv, das sich bewegen soll. So habe ich mich für den Ball entschieden, der von oben nach unten fällt. Du kannst zum Beispiel ein Auto fahren lassen oder ein Flugzeug über das Blatt fliegen lassen. Dein Motiv kannst du zeichnen oder, wie ich es getan habe, ausschneiden und aufkleben.

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Die Illusion der Bewegung stellt sich nur ein, wenn ausreichend gezeichnete Zwischenstufen vorhanden sind. Nur dann gelingt es, aus der Abfolge von Einzelbildern eine fließende Bewegung herzustellen. Der blaue Ball (Kreis) verändert nur minimal seinen Standort auf dem Papier. Dein Motiv musst du also immer wieder neu, etwas versetzt, zeichnen oder ausschneiden und etwas versetzt aufkleben.

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Übrigens: Kurt Kranz fand die Gestaltung dieser vielen Zwischenstufen sehr lästig.

Kurt Kranz hat sich schon als Jugendlicher mit solchen Reihen, Serien und Variationen beschäftigt. Nach seiner Schulzeit kam er mit 15 Jahren nach Bielefeld und machte eine Ausbildung zum Lithografen. Die Lithografie ist ein spezielles Druckverfahren, das z. B. zum Drucken von Werbeprospekten und Plakaten genutzt wird. Kurt Kranz interessierte jedoch der künstlerische Gebrauch dieser Technik und überhaupt die Kunst! So besuchte er Abendkurse an der Bielefelder Kunstgewerbeschule und es eröffnete sich ihm eine neue Welt: Malerei, Theorien um Farbwirkungen, aber auch das Kennenlernen von unterschiedlichen Techniken und für ihn neuen Materialien. Schon in dieser Zeit entwickelte Kranz Reihen und variierte in ihnen einzelne Formen – ein Thema, das ihn lebenslang interessierte.
1929 passierte dann etwas, das sein Leben veränderte. Kurt Kranz hörte einen Vortrag des Künstlers und Bauhaus-Lehrers László Moholy-Nagy (1895 – 1946), der zum zweiten Mal hier in Bielefeld war! So erfuhr Kurt Kranz von dieser berühmten Kunstschule, dem Bauhaus, und ihren Zielen, die Kunst, das Handwerk und die Technik miteinander zu verbinden. Das bedeutete, die Kunst nicht alleine und isoliert zu sehen, nicht nur Bilder an den Wänden oder Skulpturen auf dem Sockel. Nein, die Ideen der Künstler*innen sollten einfließen in die Gestaltung von Häusern und Möbeln, von Geschirr und anderen Dingen, die sogar in Fabriken industriell hergestellt werden sollten. Er erfuhr von der Freiheit an dieser Schule, viele Materialien und Techniken ausprobieren zu dürfen und immer mit allen Lehrenden darüber diskutieren zu können.
Hier bekommt ihr einen guten Eindruck von den neuen Ideen und dem Leben am Bauhaus:
https://www.youtube.com/watch?v=5U0z1IEpQ0k (2:28)
https://www.youtube.com/watch?v=qS-7TaSjcSA (2:26)

Das muss hier in Bielefeld eine verrückte Veranstaltung gewesen sein, denn sie fand nicht in einem Vortragssaal statt. Nein, in der Aula einer Bielefelder Schule und in der Turnhalle wurden die Arbeiten von Bauhaus-Künstlern gezeigt. Da hingen Werke von Wassily Kandinsky (1866 – 1944) und Paul Klee (1879 – 1949) am Stufenbarren und an der Sprossenwand. Könnt ihr euch das vorstellen? Für Kurt Kranz war das wunderbar. Er hatte nicht nur dem Vortrag gespannt zugehört, er konnte auch die Bilder in der Turnhalle alleine und in aller Ruhe studieren. Und danach fasste er seinen Entschluss, am Bauhaus zu studieren.
So zog Kurt Kranz 1930 nach Dessau ans Bauhaus und begann dort sein Studium. Er studierte bei Josef Albers (1888 – 1976), einem einfühlsamen Lehrer, dem es sehr wichtig war, dass seine Schüler*innen alle Materialien, mit denen sie arbeiten, genau kennenlernen. Er besuchte die neu gegründete Fotografieklasse von Walter Peterhans (1897 – 1969), der seine Schüler*innen das exakte Arbeiten lehrte – und gar nicht so gerne sah, wenn sie experimentierten. Über Farben und Formen, ihr Zusammenspiel und ihre Wirkung lernte Kurt Kranz von seinen Lehrern Wassily Kandinsky und Paul Klee und war begeistert, ihren Unterricht zu besuchen. Endlich hatte er einen Ort gefunden, an dem er über seine nicht figürlichen Serien, die abstrakten Formen sprechen konnte, wo er Grundlagen und Techniken erlernte und nie das Experimentelle aus den Augen verlor.
Es gibt Filmaufnahmen von Kurt Kranz, in denen er als älterer Mann noch immer mit leuchtenden Augen und voller Freude von der Zeit am Bauhaus berichtet. (DVD BAUHAUS, Art Haus 1994). Hier könnt ihr den Künstler einmal auf einem Foto entdecken und er ist euch sicher genau sympathisch wie uns, oder?

Ende der 1930er-Jahre arbeitete Kurt Kranz mit seinem Bauhaus-Diplom in der Tasche in Berlin in einer Werbeagentur – und als freier Künstler. 1949, nach dem Zweiten Weltkrieg, erhielt er eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und lehrte dort bis zu seiner Pensionierung 1972. Und natürlich konnten so seine Studierenden das Bauhaus und dessen pädagogische Ideen erleben, denn Kurt Kranz ließ all die Dinge zu, die auch am Bauhaus möglich waren! Materialstudien, Erprobung von Variationen und Flächenwirkungen. Auch er vermittelte keine Festlegungen, um einen großen Freiraum für künstlerische Kreativität zu lassen. Jeder Kurs war anders – immer zugeschnitten auf die jeweiligen Studierenden und ihre Fähigkeiten und Interessen. Und Kurt Kranz hatte selbst bis zu seinem Lebensende große Freude am künstlerischen und experimentellen Arbeiten!
Und die floss z. B. 1955 in den Entwurf für die 20-Pfennig Briefmarke der Deutschen Bundespost ein oder im gleichen Jahr in das Plakat für die Bundesgartenschau. Weiterhin entwarf Kurt Kranz Cover für Magazine, Buchtitel und Plakate und forschte natürlich weiter in Sachen Serie und Variationen!
Ihr merkt, die Ausbildung zum Lithografen, seine Erfahrung als Gebrauchsgrafiker waren für Kurt Kranz ein gutes Fundament und sind mit seinen künstlerischen Interessen eine spannende und kreative Verbindung eingegangen.
Sollte aus eurem Leporello ein kleiner Film entstehen, freuen wir uns auf ihn! Schickt ihn uns gerne zu, dann können wir ihn den anderen Kindern vorstellen. Auch über Fotos freuen wir uns sehr!
Viel Spaß – herzliche Grüße
Karola, Christiane und Matthias
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Illustrationen: Vera Brüggemann