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From 10 October 2020 our opening hours are:

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(Deutsch) Folge 6: Emil Nolde

Hallo! Inzwischen ist der Sommer zu Ende gegangen. Heute möchten wir euch mit einer neuen Folge des Teens-Clubs auf eine Reise in die Südsee mitnehmen und euch einen berühmten deutschen, heute aber durchaus umstrittenen Künstler vorstellen: Emil Nolde.

Wir hoffen, ihr hattet nach diesem ungewöhnlichen Schulhalbjahr eine schöne Ferienzeit, habt Sommertage und Ferienstimmung genossen, morgens vielleicht länger geschlafen, leckeres Eis gegessen und es euch gut gehen lassen.

Nun aber zur Kunst! Die Kunsthalle besitzt drei Gemälde des expressionistischen Künstlers Emil Nolde (1867 – 1956). Sie kamen 1951 (Tropenwald), 1961 (Männerköpfe) und 1929/2019 (Rentner) in die Sammlung und sind heute der Ausgangspunkt für unsere kreativen Arbeitsanregungen und Informationen.

Als Bauernsohn in Schleswig-Holstein geboren, war es Nolde schon früh klar, dass er Künstler und kein Bauer werden wollte. Er konnte gegen den Widerstand seines Vaters eine Ausbildung zum Holzschnitzer machen. Diese hatten immer viel zu tun, denn nicht nur Möbelstücke wurden verziert, sondern es gab zum Beispiel auch Aufträge für Reliefs und Skulpturen von Kirchen oder Schlossbesitzern. Nach Abschluss dieser Ausbildung und einigen Wanderjahren als Möbeltischler bekam Emil Nolde eine Anstellung als Lehrer an der Kunstgewerbeschule in St. Gallen in der Schweiz. Begeistert zeichnete Nolde die Schweizer Berge, und sein erstes Ölgemälde 1895/96 sind die „Bergriesen“. Aber eigentlich wollte er kein Lehrer sein, sondern Künstler. Doch zu der weiteren Ausbildung fehlte ihm das Geld. Aber dann hatte er eine tolle Idee: Er gestaltete aus den Bergzeichnungen Postkarten.

Bergriesen, vermenschlichte Berge, und die verkauften sich bestens. Emil Nolde konnte die Stelle an der Kunstgewerbeschule kündigen und studierte an verschiedenen Schulen in München und Paris Malerei, bevor er sich als freischaffender Künstler auf der Insel Alsen und in Berlin niederließ.

Hier kannst du einige seiner Bergpostkarten sehen:

https://www.neumeister.com/kunstwerksuche/kunstdatenbank/ergebnis/1-236/Emil-Nolde/

Jetzt, nach den Sommerferien, hast du sicher noch viele Bilder aus dieser Zeit im Kopf. Mach es doch wie Emil Nolde und gestalte Postkarten mit deinen Urlaubsmotiven.
Du benötigst dazu Blanko–Postkarten, Aquarellstifte, Pinsel und ein Gefäß mit Wasser, möglich sind natürlich auch deine Wasserfarben, Buntstifte oder Wachsmalkreiden.
Zu Beginn klebe alle vier Seiten deiner Postkarte mit Klebeband auf der Arbeitsfläche fest. Zeichne zunächst dein Motiv mit den Aquarellstiften auf die Karte. Mit dem feuchten Pinsel kannst du anschließend einzelne Stellen übermalen. Du wirst sehen: Es wirkt dann ähnlich wie die Aquarelle Emil Noldes. Wie Nolde in seinen Bergpostkarten kannst du natürlich auch viel kleinteiliger zeichnen und auch Texte einfügen. Du siehst, deiner Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Deine Postkarte wird sich, wenn du mit Wasser gearbeitet hast, vielleicht etwas wellen, presse sie für kurze Zeit in einem Buch.
Magst du uns auch eine deiner Karten schicken? Wir würden uns freuen!

Eine ausführliche Biografie des Künstlers findet ihr hier: https://www.nolde-stiftung.de/nolde/biographie/

Nach schweren Anfängen als Künstler und großer finanzieller Not war Nolde ab den 1910er-Jahren endlich anerkannt und er konnte mit seiner Kunst seinen Lebensunterhalt gut bestreiten. 1927 wurde er zu seinem 60. Geburtstag in vielen Städten mit Ausstellungen und Festakten geehrt. Zu dieser Zeit entwarf und baute Nolde gemeinsam mit seiner Frau Ada (1879 – 1946) ein neues Haus in Seebüll. 1946 legte das Paar fest, dass das Wohn- und Atelierhaus, der Garten sowie Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken, aber auch Skulpturen und Schnitzereien und das umfangreiche Archivmaterial, Briefe, Manuskripte und Aufzeichnungen, in eine Stiftung übergehen sollten. Sie hat nach dem Tod des Künstlers ihre Arbeit aufgenommen und widmet sich dem Nachlass. Im Norden von Schleswig-Holstein liegt also heute das Nolde-Museum Seebüll. Besonders jetzt im Sommer leuchtet der Blumengarten schon von weitem und ein Besuch des Gebäudes mit dem Bildersaal und Einblicken in die Wohn- und Arbeitsräume lässt die Besucher*innen in die Welt Noldes eintauchen. Einen guten Eindruck dieses besonderen Ortes findet ihr hier:

https://www.nolde-stiftung.de/

Im Oktober 1913 reiste das Ehepaar Nolde im Rahmen einer „medizinisch-demografischen Deutsch-Neuguinea-Expedition“ des Reichskolonialamtes in den Südpazifik, der damals zum Teil deutsche Kolonie war. Dort entstanden während des zweimonatigen Aufenthalts neunzehn Gemälde. Trotz der Warnung, Ölfarben würden in der Hitze verderben und auf der Leinwand verlaufen, hatte Nolde das Experiment gewagt – und es hat funktioniert, wie ihr sehen könnt.

450-Nolde-Tropenwald

Tropenwald (Südseelandschaft mit Papageien), 1914
Öl auf Leinwand, 70 x 104
Kunsthalle Bielefeld
© Nolde Stiftung Seebüll
Foto: Philipp Ottendörfer

Auf dem Rückweg wurde die Expedition 1914 vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht. Die Gruppe musste über Frankreich und die Schweiz nach Deutschland zurückkehren. Die Gemälde, als aufgerollte Leinwände transportiert, kamen auf abenteuerlichen Wegen nach England und erst 1921 erhielt Nolde sie zurück. Unser „Tropenwald“ hat also einiges erlebt, bis er zu uns in die Kunsthalle kam. In seinen Memoiren „Mein Leben“ widmete Nolde dieser Südseereise ein separates Kapitel: Welt und Heimat.

Vielleicht denkt ihr, das Bild sei schnell gemalt worden? Nolde setzte seinen Blick in den Dschungel um? Dann lasst das Bild einmal auf euch wirken. Wir geben euch Hinweise, die zeigen, dass der Maler ganz bewusst jede Form gesetzt, jede Farbe sorgsam ausgewählt hat:

Das Bild lebt von Kontrasten, die es lebendig machen. Fast hören wir doch die Papageien kreischen und es hier und da im Dickicht knacken. Woran liegt das? Riesige Blätter, dunkle Formen mit dunklen Umrisslinien in der rechten unteren und der linken oberen Bildhälfte stehen fleckhaft gearbeiteten Partien im gesamten Bildraum gegenüber. Verschiedenste Grün- und Grünblautöne vermitteln uns den Eindruck von üppiger Vegetation. Das gelingt durch die Komplementärkontraste: Dem Grün steht das Rot der Papageien gegenüber, dem Blaugrün winzige gelbe Farbtupfer. Sind sie euch aufgefallen? Ein Blick in den Dschungel, undurchschaubar, geheimnisvoll, urwüchsig. Die sich nach oben öffnenden Blätter der Stauden im Vordergrund werden von den sich nach unten neigenden Blättern der Palmen kontrastiert. Schlanke Stämme sind von breitem Blattwerk umgeben. Aber auch die Formen kontrastieren. Erkennt ihr die Kugelform in der Pflanze links unten? Die Form der Pflanzen darüber ergibt eher ein Oval. Während die Formen insgesamt auf der linken Bildseite geschlossen wirken, öffnen sie sich rechts in den Bildraum hinein. Bestimmt entdeckt ihr noch weitere Gegensätze!

Wirkt das Bild auch paradiesisch? Die beiden Papageien, die sich in Größe, Form und Farbe vollständig gleichen, scheinen ebenso eine Einheit zu bilden wie das Blattwerk und die Bäume. Sie fühlen sich wohl in diesem Urwald. Nur eine sehr kleiner Bereich eröffnet den Blick in das helle Himmelblau. All die Grüns und die verschiedenen Formen fügen sich zu einem harmonischen Ganzen, das uns die scheinbar abgeschlossene paradiesische Welt der Tropen vermittelt.

Emil Nolde und anderen Expressionisten war es daran gelegen, durch Farbe und Form Gefühle und Bilder wiederzugeben. In exotischen Ländern und den dort lebenden Menschen sahen sie dabei das Ursprüngliche und Natürliche, das nicht durch Zivilisation verdorben war. Deshalb war es ein Glück für Nolde, so eine Gegend wie die Südsee tatsächlich besuchen zu können. Allerdings musste er dort feststellen, dass die Kolonialisierung großen Schaden und massive Veränderungen verursacht hatte – das vermeintliche Paradies verschwand. Davon ist in seinem Bild „Tropenwald“ nichts zu spüren.

In seinen Werken setzt Emil Nolde sehr gezielt die Wirkung von Farbkontrasten ein. So ist das Gemälde „Tropenwald“ ein Beispiel für den Komplementärkontrast der Farben Rot und Grün. Stehen diese Farben direkt neben einander, so bringen sie sich gegenseitig zum Leuchten.
Eine solche Steigerung in der Intensität der Farbe kannst du auch erreichen durch eine Verbindung von Blau und Orange (im Gemälde „Tropenwald“ durch das Blau der Flügelspitzen und das Orange des Schnabels aufgenommen) oder Gelb und Violett. Wenn du dir den Farbkreis anschaust, so erkennst du, diese Farben stehen sich dort genau gegenüber.
In vielen Bildern Noldes findest du diese Farbkontraste. Nutze auch du die Wirkung dieser Farbkontraste, lass die Farben deiner Bilder strahlen! Wie wäre es mit Blumenbildern?

Die „Männerköpfe“ kamen 1961 in die Sammlung der Kunsthalle.

450-Emil-Nolde-Männerköpfe-1912

Männerköpfe, 1912
Öl auf Leinwand, 68 x 78 cm
Kunsthalle Bielefeld
© Nolde Stiftung Seebüll
Foto: Philipp Ottendörfer

Keine naturalistischen oder realistischen Porträts schuf Nolde mit diesen Köpfen. Mit groben Pinselstrichen und kräftigen schwarzen Umrisslinien gearbeitet, blicken uns maskenhaft verzerrte Fratzen entgegen. Wie hintereinandergestaffelt leuchten uns die Gesichter in Purpurrot, Ockergelb und Blaugrün entgegen. Und doch oder gerade deshalb nehmen wir die charakteristischen Merkmale der Männer wahr: Die rechte Figur wirkt überheblich, die mittlere aggressiv oder zynisch und die hintere verschlagen und hinterhältig. Das ist ein typisches Merkmal der expressionistischen Malerei. Die Künstler haben sich dabei u. a. von afrikanischen Masken inspirieren lassen. Dort gibt es einen aufgerissenen Mund z. B, an dem wir Angst, Zorn oder Freude sofort durch die Form erkennen können. Heute findet ihr das bei Emojis!

Sehr intensive, leuchtende Farben erzielst du beim Malen mit „Zuckerkreide“. „Zuckerkreide“ kannst du sehr schnell selbst herstellen, du benötigst dazu: ein Gefäß, einen Rührlöffel, farbige Tafelkreide, ½ Liter lauwarmes Wasser, sechs Esslöffel Zucker, Küchenrolle.
Fülle das lauwarme Wasser in das Gefäß, da hinein gibst du den Zucker. Diese Mischung rühre so lange, bis der Zucker sich gelöst hat. In dieses Zuckerwasser lege die Tafelkreiden in den Farben deiner Wahl. Nun dauert es etwa 20 – 30 Minuten, bis die Kreide ausreichend Zuckerwasser aufgenommen hat; sie sinkt dann zu Boden. Die „Zuckerkreide“ muss nur noch kurz abtropfen und schon kannst du starten. Die leuchtenden Farben dieser Kreide kommen besonders beim Malen auf schwarzem Papier zur Geltung. Vielleicht lässt du dich inspirieren von Noldes Bild „Männerköpfe“. Und dann malst du, in starken, leuchtenden Farben, deine Fantasie-Fratzen.

450-Nolde-Rentner-1920

Rentner, 1920
Öl auf Leinwand, 65 x 40 cm
Kunsthalle Bielefeld
© Nolde Stiftung Seebüll
Foto: Philipp Ottendörfer

Vielleicht habt ihr euch über die zwei Ankaufsdaten beim dritten Werk gewundert. Der „Rentner“ gehörte zu den Gemälden Noldes, die während der NS-Zeit aus den Museen geraubt wurden. Hier in Bielefeld aus dem 1928 gegründeten Städtischen Kunsthaus, dem 1968 die Kunsthalle nachfolgte. 1929 hatte dort eine Ausstellung mit Gemälden, Aquarellen und Druckgrafiken Noldes stattgefunden. Für die damals noch sehr kleine städtische Sammlung wurde der „Rentner“ angekauft. Das Werk zeigt, dass die Bielefelder Sammlung den Anspruch verfolgte, überregional Werke moderner und zeitgenössischer Künstler zu präsentieren – und das bis heute!

Das Bild „Rentner“ wurde 1937 mit 135 weiteren Werken beschlagnahmt. Es war ab 1938 in Privatbesitz, bevor es ab den 1950er-Jahren im Kunsthandel angeboten wurde. Über mehrere Stationen gelangte es 2003 in eine englische Privatsammlung. Im Jahr des 50-jährigen Jubiläums der Kunsthalle wurde es zum Rückkauf angeboten. Dieser ist mit Mitteln der Kulturstiftung der Länder und vieler privater Sponsoren gelungen, so dass das Gemälde heute wieder in unserer Sammlung zuhause ist.

Das Bildnis des Rentners kann als eines der Werke eingestuft werden, die als „Charakterköpfe“ bezeichnet werden. Hier hat Emil Nolde keinen ihm bekannten Rentner porträtiert, also nicht den alten, nicht mehr erwerbstätigen Menschen aus seiner Nachbarschaft. Vielleicht ist es ein Fantasiebild – der Künstler selbst, wie er sich als Rentner vorstellt. Der Kunsthistoriker Klaus Leonhardi hat in seinen 1962 publizierten Überlegungen zu Noldes Selbstbildnissen diesen Gedanken eingebracht.

Hast du eine Vorstellung von dir als Rentner? Wie könntest du aussehen im Alter von siebzig oder achtzig Jahren? Schließe deine Augen und versuche dir das bildlich vorzustellen! Welche Farbe wählst du zum Beispiel für deine Haare oder deine Kleidung? Wie kannst du das Alter deutlich machen? Keine so leichte Aufgabe! Wir sind gespannt auf dein Werk. Möglich sind hier sicher viele Techniken: Zeichnen mit Bleistift, Kohle oder Pastellkreide, Malen mit Wachskreiden, Aquarell- oder Acrylfarben.

In der letzten Folge habt ihr Otto Freundlich kennengelernt. Die Abbildung seiner Skulptur „Großer Kopf“ bildete als aus der Sicht der Machthaber abschreckendes Beispiel 1937 den Auftakt zu der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“, die die Nationalsozialisten initiiert hatten.

Als Expressionist ist Emil Nolde bis heute der prominenteste Künstler dieser Ausstellung: Mehr als 1.000 seiner Werke wurden beschlagnahmt, so viele wie von keinem anderen Maler. 33 Gemälde und weitere Arbeiten auf Papier des Künstlers wurden in der Wanderausstellung präsentiert, so dass Emil Nolde als entarteter Künstler in die Geschichte einging. 1941 wurde er mit Berufsverbot belegt und aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen. Das bedeutete, dass er keine Malmaterialien einkaufen, nicht ausstellen und verkaufen durfte. Aber es war kein Malverbot, wie es der Künstler selbst im Nachhinein darstellte.

Dagegen wissen wir aber auch lange schon, dass Emil Nolde NS-Parteimitglied war und mit dem nationalsozialistischen Regime sympathisierte. Seine Haltung gegenüber den Juden war ablehnend und rassistisch, was ebenfalls durch zahlreiche mündliche und schriftliche Äußerungen belegt ist. Er wäre gerne Staatskünstler gewesen. Ab 1934 malte er keine religiösen Bilder mehr und ab Ende der 1930er-Jahre verstärkt Motive aus der nordischen Sagenwelt, die dem Themenkanon der Nationalsozialisten entsprachen. Wie passen all diese Fakten zusammen?

2013 gab die Stiftung Ada und Emil Nolde eine historische Studie in Auftrag. Sie öffnete die bis dato verschlossenen Archive und schaffte damit eine Grundlage, um Fragen nach der Rolle des Künstlers und Menschen Emil Nolde während der NS-Zeit deutlicher klären zu lassen.

Eine Ausstellung 2019 in Berlin zeigte erste Ergebnisse. Umfangreiches, bislang unveröffentlichtes Archivmaterial – Briefe und Tagebücher, Notizen und Aufzeichnungen zu biografischen Ereignissen – konnte gesichtet und ausgewertet werden. So können wir der Haltung des Künstlers während der nationalsozialistischen Diktatur nachspüren und der Frage nachgehen, ob sich die historischen Umstände auch auf seine Kunst ausgewirkt haben.

Hier könnt ihr einen Eindruck von dieser Ausstellung gewinnen und kurze Erläuterungen hören:

https://www.youtube.com/watch?v=hX2gmLkeDF4

https://www.youtube.com/watch?v=Bi_ROq49nDE

Auch wenn längst nicht alle Quellen ausgewertet werden konnten, können wir doch heute sagen, dass Emil Nolde sich stark selbst inszeniert und an seiner Legende als verfemter Künstler gearbeitet hat. So präsentierte er nach dem Zweiten Weltkrieg kleine Aquarelle als „Ungemalte Bilder“, die angeblich heimlich während der Zeit des Berufsverbots entstanden waren (Da es Kontrollen durch die Gestapo gab und man Ölfarbe hätte riechen können, malte er Aquarelle. Als Künstler musste er weiterschaffen!). Heute wissen wir, dass viele dieser kleinen Arbeiten bereits existierten und als Studien für Ölgemälde angelegt waren.

Aus seinen Lebenserinnerungen „Mein Leben“ strich er viele antisemitische Passagen heraus und stellte seine Parteimitgliedschaft als Notwendigkeit zum Schutz seiner Bilder dar. 1946 sprach er sogar davon, dass seine „verschnürten Hände“ nun endlich wieder tätig sein könnten und das Gewesene ihm wie ein Traum erscheine.
So wurde der Künstler Emil Nolde nach dem Krieg und darüber hinaus als Opfer des nationalsozialistischen Regimes wahrgenommen und als stiller Widerstandskämpfer gefeiert.

1968 verarbeitete der Schriftsteller Siegfried Lenz diese Problematik anhand einer freien Geschichte, die sich an Noldes Schicksal orientierte, in seinem Roman „Deutschstunde“. Thematisiert wird der Widerspruch von Gehorsam und Pflichterfüllung während des Nationalsozialismus und individueller Verantwortung. Bis heute hochaktuell!

Siegfried Lenz, Deutschstunde, Hamburg 2017

2019 kam eine aktuelle Verfilmung dieses Romans in die Kinos, die jetzt auch auf DVD erhältlich ist:

https://www.ndr.de/kultur/film/Deutschstunde-Die-Grenzen-der-Pflicht,deutschstunde144.html


Deutschstunde, ein Film von Christian Schwochow, 2019

Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist bis heute nicht abgeschlossen. Die Kunst bietet ebenso wie der Geschichts- und Deutschunterricht, die tägliche Zeitungslektüre oder Filme, Podcasts u. m. die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen und so persönliche Sichtweisen und Positionen zu entwickeln. Der Künstler Emil Nolde, der sich als stiller Held in das kulturelle Gedächtnis im Nachkriegsdeutschland eingebrannt hat, muss sich heute einer Prüfung unterziehen. Diese wird nicht seine künstlerische Leistung schmälern, aber der Mensch Emil Nolde wird in einem anderen Licht erscheinen.

Wir wünschen uns, dass diese Folge euch Lust macht, Geschichte lebendig und in Zusammenhang mit heutigen Geschehnissen zu begreifen. Positive Erfahrungen, Erkenntnisse der Vergangenheit können uns heute von großem Nutzen sein, genauso wie wir aus Fehlern lernen können – aber vor allem ermöglicht der Blick auf die Geschichte uns, uns unser eigenes Bild zu machen, die eigene Meinung herauszubilden.

Herzliche Grüße – Karola, Christiane und Matthias